Re: [IP-OA_Forum] Reproduktion von Ungleichheit durch Konferenzen wie die Open-Access-Tage
- From: Anja Oberländer <Anja.Oberlaender@uni-konstanz.de>
- To: ipoa-forum@lists.fu-berlin.de
- Date: Thu, 21 Aug 2025 14:56:05 +0200
- Authentication-results: Mailout; dkim=none
- Subject: Re: [IP-OA_Forum] Reproduktion von Ungleichheit durch Konferenzen wie die Open-Access-Tage
Lieber Herr Bach, liebe Kolleginnen und Kollegen,
als Leitung des Programmkomitees und diesjährige veranstaltende Einrichtung der Open-Access-Tage würde ich Ihnen gerne auf Ihr Anliegen antworten.
Wir sind sehr dankbar, dass sich jedes Jahr eine Einrichtung findet, die den hohen personellen Aufwand auf sich nimmt die Open-Access-Tage zu organisieren. Die für eine dreitägige Veranstaltung mit Tagesvepflegung und einer für alle inklusiven Abendveranstaltung im Vergleich zu anderen Veranstaltungen recht moderaten 130 Euro Teilnahmegebühr sind, wie Sie richtig schreiben, für manche Teilnehmende eine Hürde oder ein Ausschlusskriterium. Daher haben wir in den Vorjahren z.T. die Möglichkeit von Freitickets oder ermäßigten Tickets insbesondere für Studierende angeboten, z.T. über Sponsoren finanziert.
Da die Finanzierung der Veranstaltung durch Sponsoren bis vor kurzem noch recht angespannt war, haben wir diese Möglichkeit in diesem Jahr zunächst nicht angeboten. Da wir aber inzwischen mit fast 400 angemeldeten Teilnehmenden die Fixkosten gut decken können, bieten wir interessierten Studierenden an, uns eine kurze Nachricht zu schicken an oat25@uni-konstanz.de und wir dann eine freie Teilnahme ermöglichen werden. Ihre Anfrage sollte den vollständigen Namen, Angaben zur Ausbildung bzw. zum Studium inklusive der Einrichtung sowie eine kurze Motivation enthalten, warum Sie gerne an den Open-Access-Tagen teilnehmen wollen.
Wir haben in den letzten Jahren für einige Beiträge (wie die Keynotes) Streaming angeboten und für viele Beiträge (immer dann wenn die Vortragenden zugestimmt haben) eine Aufzeichnung im AV-Portal (z.B. OAT 24: https://av.tib.eu/series/1842) bereit gestellt. Darüber hinaus werden die Vortragsfolien und Poster via Zenodo bereitgestellt (z.B. https://zenodo.org/communities/oat24/).
Auch in diesem Jahr werden die Keynotes gestreamt und aufgezeichnet, viele Beiträge aufgezeichnet und bereitgestellt sowie Poster und Vortragsfolien zeitnah für alle frei zur Verfügung gestellt.
Die Frage danach, ob man die Verpflegung nicht auch auf Selbstzahlerbasis organisieren könnte, damit die Gebühr möglichst niedrig ist, ist durchaus berechtigt. Die OAT finden in der Regel in den Semesterferien auf einem Campus statt, im Falle von Konstanz abgelegen auf einem Berg ohne Verpflegungsalternativen in der Nähe. Wenn 400 Menschen gleichzeitig in einer Pause (Kaffee-) durst und Hunger haben, lässt sich das i.d.R. auf Selbstzahlerbasis schlecht organisieren. Aus Sicht des Programmkomitess trägt diese Form der Organisation auch dazu bei, dass eine angenehme Konferenzatmosphäre entsteht.
Die Tagung wird kostenneutral und kostengünstig organisiert und
wir versuchen so vielen wie möglich die Teilnahme vor Ort (z.B.
auch über das Angebot kostenloser Kinderbetreung) sowie die
Teilhabe aus der Ferne zu ermöglichen. Für die nächsten Jahre
werden wir die Anregung mit aufnehmen direkt zu Beginn wieder
Studierendenstipendien mit einzukalkulieren.
Viele Grüße im Namen des Programmkomitees,
Anja Oberländer
Liebe Kolleg*innen,
mit Bezug auf einen Aspekt, der im Motto der diesjährigen Open-Access-Tage auf das Publikationswesen gerichtet erwähnt wird, sich aber meines Erachtens genauso auf die Ausrichtungen der Konferenz selbst übertragen lässt, möchte ich mich heute an Sie wenden:
Es geht um die Reproduktion von Ungleichheit und zwar im Allgemeinen. - Genau diese spüren Menschen wie ich oft, wenn sie sich über die Teilnahme an solch einer Konferenz informieren. Studierende, aber das gilt genauso für Azubis oder Mitarbeitende an Bibliotheken oder Informationseinrichtungen, die weder Eintrittspreis noch Reisekosten und/oder Unterkunft für Konferenzen erstattet bekommen, stellen dann fest, dass sie sich eine Teilnahme aus eigenen Mitteln schlicht nicht leisten können und sehen deswegen davon ab. Viele von uns sind damit de facto ausgeschlossen, obwohl wir uns auch mit Themen wie Open Access, Open Science oder FDM beschäftigen und das nicht selten an Stellen bei Einrichtungen wie Ihren.
Während z. B. die BiblioCon immerhin ermäßigte Tickets für bestimmte Personengruppen anbietet, was zumindest ein Anfang wäre, erzeugt der Web-Auftritt der OAT aktuell den Eindruck, als würden Personen wie ich überhaupt nicht existieren, sie bleiben nicht nur unberücksichtigt, sondern auch unerwähnt. Stattdessen finden sich dieses Jahr dort zentral sichtbar Informationen wie etwa die Menüoptionen für das Konferenzdinner.
Stellen Sie sich vor, Sie setzen sich gerade im Studium mit dem Themenkomplex Ungleichheit im wissenschaftlichen Publikationswesen auseinander, haben selbst schon Probleme wegen der ganzen Paywalls an Literatur zu kommen und wollen sich nun auf einer zentralen Fachkonferenz über dieses Thema informieren, austauschen und mitdiskutieren. Doch das bleibt Ihnen verwehrt, weil diese Open-Access-Tage für Sie als Person genauso Closed Access sind.
Verstehen Sie mich nicht falsch, das ist keine Forderung nach kostenfreiem Eintritt für alle, auch wenn ich diese Eigenschaft bei den Open Access Barcamps sehr geschätzt habe, die Problematik einer kostengünstigen Übernachtungsmöglichkeit für Menschen mit weitem Anreiseweg wäre damit ohnehin nicht adressiert. Es gibt durchaus Institutionen, Personen und Akteure, die Geld oder andere Ressourcen geben können und sollten, allein schon wegen des erheblichen Aufwands der Organisation einer solchen Konferenz.
Ich würde mir nur wünschen, dass meine Kolleg*innen, die Konferenzen wie diese organisieren, sich auch noch hin und wieder an Personengruppen erinnern würden, die vielleicht nicht die selben Privilegien genießen wie sie selbst, zu denen sie höchstwahrscheinlich auch selbst mal gezählt haben, und entsprechende Überlegungen anstellen, wie diesen die Teilhabe ermöglicht werden kann - und zwar möglichst ohne dabei eigennützige Gegenleistungen zu erzwingen. Durchdachte Lösungsmöglichkeiten wie z. B. Soli-Tickets, Stipendien, eine Schlafplatzbörse oder frei zugängliches Video-Streaming finden sich zuhauf bei anderen Events und Kongressen, die sich auch für freies Wissen und Zugang für alle einsetzen, bedauerlicherweise stammen die wenigsten aus dem Bereich der Bibliotheks- und Open-Access-Community - es wäre schön, wenn sich das in Zukunft ändert.
Viele Grüße
Nicolas Bach
_______________________________________________ ipoa-forum mailing list ipoa-forum@lists.fu-berlin.de https://lists.fu-berlin.de/listinfo/ipoa-forum Liste verlassen: https://lists.fu-berlin.de/listinfo/ipoa-forum#options
Kommunikations-, Informations-, Medienzentrum (KIM)
Stellvertretende Direktorin | Bibliotheksdirektorin
Universitätsstraße 10
78464 Konstanz
Tel.: +49 7531 88-2802
E-Mail: anja.oberlaender@uni-konstanz.de
www.kim.uni-konstanz.de
Attachment:
smime.p7s
Description: Kryptografische S/MIME-Signatur
- References:
- [IP-OA_Forum] Reproduktion von Ungleichheit durch Konferenzen wie die Open-Access-Tage
- From: Nicolas Bach <nb@biblioco.de>
- [IP-OA_Forum] Reproduktion von Ungleichheit durch Konferenzen wie die Open-Access-Tage
-
ipoa-forum - August 2025 - Archiv sortieren nach:
[ Thema/Thread ] [ Betreff ] [ Autor(in) ] [ Datum ] - Archiv der Mailingliste ipoa-forum
- Infoseite zu dieser Mailingliste...